Elektrostimmulierte Fahrradergometrie
von Thomas Fischer, Physiotherapeut
Nachdem die elektrostimulierte Fahrradergometrie seit nunmehr
einem Jahr in der physiotherapeutischen Abteilung des Zentrums für
Rückenmarkverletzte in der WWK erfolgreich erprobt und durchgeführt wird, möchte
ich diese Spezialform der funktionellen Elektrostimulation hier vorstellen. Ich
hoffe, auf diesem Wege interessierten Personengruppen den Zugang zu dieser
Therapieform, die zwar schon seit den 80er Jahren bekannt, aber sehr selten
praktiziert wird, zu ermöglichen und zu ihrer Verbreitung beizutragen.
Zunächst aber zum Funktionsprinzip des FES-Cycling: Als Grundgerät wird
einer der üblichen Bewegungstrainer für die Beine verwendet, der normalerweise
die gelähmten Beine passiv bewegt, bzw. von teilinervierten Anwendern auch zum
assistiven / aktiven Training benutzt wird Im Gegensatz zu dieser
passiven/aktiven Therapie werden bei der FES-Ergometrie nun die zur Erzeugung
einer Tretbewegung notwendigen Muskeln durch eine computergesteuerte
Elektrostimulation so aktiviert, dass auch ein komplett querschnittgelähmter
Anwender eine aktive Tretbewegung ausführt.
Das heißt: Die Beine treiben aktiv -
durch die Stimulation - das Ergometer an, nicht das Ergometer die Beine!
Bei dieser Bewegung handelt es sich also nicht um eine willentlich
gesteuerte Muskelanspannung durch den Benutzer, das ist im Falle einer
kompletten Querschnittlähmung nicht möglich. Der flüssige und sehr natürlich
wirkende Bewegungsablauf wird durch Winkelsensoren am Tretlager und einen
kleinen Computer im Ergometer erzeugt: Die Sensoren übermitteln die
jeweilige Position des Beines innerhalb der Kreisbewegung und der
Stimulationscomputer aktiviert durch Reizstromimpulse die jeweils notwendigen
Muskelgruppen zum Beugen oder Strecken des Beines.
Um die Behandlungseffekte der FES-Ergometrie wissenschaftlich zu
erfassen, wurden in den vergangenen Jahren in Europa und den USA mehrere Studien
durchgeführt. Dabei ging es vor allem darum, den Wert dieser Trainingsform bei
der Prophylaxe bzw. Behandlung der sekundären Komplikationen, d. h.,
Folgeerkrankungen einer Querschnittverletzung, zu bewerten. Für einige dieser
Folgeerkrankungen stellt die FES-Ergometrie eine wichtige Prophylaxe bzw.
Behandlungsmethode dar: Es kommt aufgrund der relativ großen aktivierten
Muskelmasse zu einer deutlich verbesserten Durchblutung im Lähmungsgebiet.
Muskulatur und Haut werden besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, was
den Ernährungszustand und damit die Widerstandsfähigkeit der Haut gegenüber
Druckschäden (Decubiti) erhöht. Die gefürchteten Hautläsionen an den Sitzbeinen
werden erwiesenermaßen viel effektiver durch eine Stabilisierung des Haut- und
Muskelgewebes verhindert, als durch das häufig genannte Auftrainieren des großen
Gesäßmuskels. Dieser wird zwar durch die Stimulation auch an Masse zunehmen, ist
aber als "Druckpolster" selbst beim Gesunden nicht sonderlich geeignet, weil er
sich beim Hinsetzen zur Seite verschiebt und die Sitzbeine freigibt.
Die Zunahme der Muskelmasse selbst ist für den inkomplett
Gelähmten interessant, um evtl. wieder eine Geh- oder Stehfunktion zu erlangen.
Bei einer kompletten Lähmungssituation besteht der Nutzen des Muskeltrainings
nicht in einer funktionellen Umsetzung der gesteigerten Muskelkraft, sondern
dient der Steigerung von Ausdauer und Behandlungszeit, welche die Therapie
zunehmend effektiver und letztlich zu einem echten Cardiopulmonaltraining macht.
Risiken von Herz- und Lungenerkrankungen werden dadurch gemindert. Nicht nur
die Muskelmasse vergrößert sich, sondern auch die Qualität der Muskulatur bzgl.
ihrer Faserzusammensetzung. Diese und andere Faktoren hinsichtlich des
Muskelstoffwechsels führen bei den meisten Patienten zu einer Reduzierung der
Spastik. Weiterhin wurde ein verbesserter Lymphabfluss sowie eine Erhöhung der
Knochendichte nachgewiesen, welche die Gefahr von Osteoporose- bedingten
Knochenbrüchen vermindert.
Die verbesserte Stoffwechselsituation führt außerdem zur
Normalisierung verschiedener Laborwerte, die Stoffwechselerkrankungen wie
Diabetes mellitus verhindern helfen. Bezüglich der praktischen Anwendung ist
zu sagen, dass Rollstuhlfahrer mit guten funktionellen Fähigkeiten bzgl.
Transfertechnik die Elektrodenapplikation selbständig - evtl. sogar im Rollstuhl
- durchführen können; funktionell weniger trainierte Nutzer bzw. hochgelähmte
Tetraplegiker benötigen eine Hilfsperson.
Der Zeitaufwand zum Anbringen der Elektroden beträgt etwa 15
Minuten, das Entfernen etwa 10 Minuten incl. Transfers in die Rückenlage und das
Herunterziehen/Anziehen der Hose und das Fixieren am Ergometer. All diese
Maßnahmen können vom Anwender selbst bzw. von einer Hilfsperson nach einmaliger
Einweisung problemlos durchgeführt werden. Die aktive Therapiezeit liegt
zwischen anfangs 30 Minuten bis hin zu ca. 60 - 90 Minuten je nach
Trainingszustand der Muskulatur.
Beide Geräte sind bisher noch nicht im Hilfsmittelkatalog
aufgeführt, die Kostenübernahme also bislang nicht durch die gesetzlichen
Krankenkassen abgedeckt. Die Verkaufspreise der beiden z. Zt. verfügbaren
FES-Ergometer liegen in Deutschland bei 12.000 Euro + MwSt. Die beiden Modelle
von verschiedenen Herstellern unterscheiden sich hauptsächlich in Software- und
Bedienungsdetails, die auch den Preisunterschied rechtfertigen. Eine
preisgünstigere Variante, welche die Nachrüstung eines vorhandenen
Bewegungstrainers mit einem Stimulationsgerät ermöglicht, ist in Vorbereitung
(ca. 5.000,- EUR).
Vor etwa zwei Monaten haben wir in unserem Haus für vier
ausgewählte, therapieerprobte Patienten, die ihre Erstbehandlung in unserem Haus
durchliefen, mittels Verordnungen (Rezepten) die Kostenübernahme durch die
jeweiligen Kostenträger Krankenkasse, beantragt. Erfreulicherweise hat die
Berufsgenossenschaft nach einem Besuch zweier Mitarbeiter in unserer Klinik der
Kostenübernahme für die Erprobung der FES-Therapie als Heimbehandlung
zugestimmt. Ich möchte daher die Gelegenheit wahrnehmen, mich für die
Unterstützung bei der Erprobung und Verbreitung dieser neuen und viel
versprechenden Therapiemethoden seitens des Kostenträgers zu bedanken und hoffe,
dass damit das Interesse weiterer Anwender, Kliniken und Kostenträger für die
FES-Ergometrie in Deutschland geweckt wird!
|