Wicker-Magazin 13. Ausgabe 2007 - Die Zeitschrift der Wicker-Gruppe


Startseite Wicker-Magazin 13. Ausgabe 2007 - Die Zeitschrift der Wicker-GruppeSeite Elektrostimmulierte Fahrradergometrie  zu den Favoriten hinzufügenSeite weiter empfehlenSeite drucken

Elektrostimmulierte Fahrradergometrie für Rückenmarkverletzte PatientInnen

Elektrostimmulierte Fahrradergometrie
Elektrostimmulierte Fahrradergometrie

von Thomas Fischer, Physiotherapeut

Nachdem die elektrostimulierte Fahrradergometrie seit nunmehr einem Jahr in der physiotherapeutischen Abteilung des Zentrums für Rückenmarkverletzte in der WWK erfolgreich erprobt und durchgeführt wird, möchte ich diese Spezialform der funktionellen Elektrostimulation hier vorstellen. Ich hoffe, auf diesem Wege interessierten Personengruppen den Zugang zu dieser Therapieform, die zwar schon seit den 80er Jahren bekannt, aber sehr selten praktiziert wird, zu ermöglichen und zu ihrer Verbreitung beizutragen.

Zunächst aber zum Funktionsprinzip des FES-Cycling: Als Grundgerät wird einer der üblichen Bewegungstrainer für die Beine verwendet, der normalerweise die gelähmten Beine passiv bewegt, bzw. von teilinervierten Anwendern auch zum assistiven / aktiven Training benutzt wird Im Gegensatz zu dieser passiven/aktiven Therapie werden bei der FES-Ergometrie nun die zur Erzeugung einer Tretbewegung notwendigen Muskeln durch eine computergesteuerte Elektrostimulation so aktiviert, dass auch ein komplett querschnittgelähmter Anwender eine aktive Tretbewegung ausführt.

Das heißt:
Die Beine treiben aktiv - durch die Stimulation - das Ergometer an, nicht das Ergometer die Beine!
Bei dieser Bewegung handelt es sich also nicht um eine willentlich gesteuerte Muskelanspannung durch den Benutzer, das ist im Falle einer kompletten Querschnittlähmung nicht möglich. Der flüssige und sehr natürlich wirkende Bewegungsablauf wird durch Winkelsensoren am Tretlager und einen kleinen Computer im Ergometer erzeugt:
Die Sensoren übermitteln die jeweilige Position des Beines innerhalb der Kreisbewegung und der Stimulationscomputer aktiviert durch Reizstromimpulse die jeweils notwendigen Muskelgruppen zum Beugen oder Strecken des Beines.

Um die Behandlungseffekte der FES-Ergometrie wissenschaftlich zu erfassen, wurden in den vergangenen Jahren in Europa und den USA mehrere Studien durchgeführt. Dabei ging es vor allem darum, den Wert dieser Trainingsform bei der Prophylaxe bzw. Behandlung der sekundären Komplikationen, d. h., Folgeerkrankungen einer Querschnittverletzung, zu bewerten. Für einige dieser Folgeerkrankungen stellt die FES-Ergometrie eine wichtige Prophylaxe bzw. Behandlungsmethode dar: Es kommt aufgrund der relativ großen aktivierten Muskelmasse zu einer deutlich verbesserten Durchblutung im Lähmungsgebiet. Muskulatur und Haut werden besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, was den Ernährungszustand und damit die Widerstandsfähigkeit der Haut gegenüber Druckschäden (Decubiti) erhöht. Die gefürchteten Hautläsionen an den Sitzbeinen werden erwiesenermaßen viel effektiver durch eine Stabilisierung des Haut- und Muskelgewebes verhindert, als durch das häufig genannte Auftrainieren des großen Gesäßmuskels. Dieser wird zwar durch die Stimulation auch an Masse zunehmen, ist aber als "Druckpolster" selbst beim Gesunden nicht sonderlich geeignet, weil er sich beim Hinsetzen zur Seite verschiebt und die Sitzbeine freigibt.

Die Zunahme der Muskelmasse selbst ist für den inkomplett Gelähmten interessant, um evtl. wieder eine Geh- oder Stehfunktion zu erlangen. Bei einer kompletten Lähmungssituation besteht der Nutzen des Muskeltrainings nicht in einer funktionellen Umsetzung der gesteigerten Muskelkraft, sondern dient der Steigerung von Ausdauer und Behandlungszeit, welche die Therapie zunehmend effektiver und letztlich zu einem echten Cardiopulmonaltraining macht. Risiken von Herz- und Lungenerkrankungen werden dadurch gemindert.
Nicht nur die Muskelmasse vergrößert sich, sondern auch die Qualität der Muskulatur bzgl. ihrer Faserzusammensetzung. Diese und andere Faktoren hinsichtlich des Muskelstoffwechsels führen bei den meisten Patienten zu einer Reduzierung der Spastik. Weiterhin wurde ein verbesserter Lymphabfluss sowie eine Erhöhung der Knochendichte nachgewiesen, welche die Gefahr von Osteoporose- bedingten Knochenbrüchen vermindert.

Die verbesserte Stoffwechselsituation führt außerdem zur Normalisierung verschiedener Laborwerte, die Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus verhindern helfen.
Bezüglich der praktischen Anwendung ist zu sagen, dass Rollstuhlfahrer mit guten funktionellen Fähigkeiten bzgl. Transfertechnik die Elektrodenapplikation selbständig - evtl. sogar im Rollstuhl - durchführen können; funktionell weniger trainierte Nutzer bzw. hochgelähmte Tetraplegiker benötigen eine Hilfsperson.

Der Zeitaufwand zum Anbringen der Elektroden beträgt etwa 15 Minuten, das Entfernen etwa 10 Minuten incl. Transfers in die Rückenlage und das Herunterziehen/Anziehen der Hose und das Fixieren am Ergometer. All diese Maßnahmen können vom Anwender selbst bzw. von einer Hilfsperson nach einmaliger Einweisung problemlos durchgeführt werden. Die aktive Therapiezeit liegt zwischen anfangs 30 Minuten bis hin zu ca. 60 - 90 Minuten je nach Trainingszustand der Muskulatur.

Beide Geräte sind bisher noch nicht im Hilfsmittelkatalog aufgeführt, die Kostenübernahme also bislang nicht durch die gesetzlichen Krankenkassen abgedeckt. Die Verkaufspreise der beiden z. Zt. verfügbaren FES-Ergometer liegen in Deutschland bei 12.000 Euro + MwSt. Die beiden Modelle von verschiedenen Herstellern unterscheiden sich hauptsächlich in Software- und Bedienungsdetails, die auch den Preisunterschied rechtfertigen. Eine preisgünstigere Variante, welche die Nachrüstung eines vorhandenen Bewegungstrainers mit einem Stimulationsgerät ermöglicht, ist in Vorbereitung (ca. 5.000,- EUR).

Vor etwa zwei Monaten haben wir in unserem Haus für vier ausgewählte, therapieerprobte Patienten, die ihre Erstbehandlung in unserem Haus durchliefen, mittels Verordnungen (Rezepten) die Kostenübernahme durch die jeweiligen Kostenträger Krankenkasse, beantragt.
Erfreulicherweise hat die Berufsgenossenschaft nach einem Besuch zweier Mitarbeiter in unserer Klinik der Kostenübernahme für die Erprobung der FES-Therapie als Heimbehandlung zugestimmt. Ich möchte daher die Gelegenheit wahrnehmen, mich für die Unterstützung bei der Erprobung und Verbreitung dieser neuen und viel versprechenden Therapiemethoden seitens des Kostenträgers zu bedanken und hoffe, dass damit das Interesse weiterer Anwender, Kliniken und Kostenträger für die FES-Ergometrie in Deutschland geweckt wird!


Weitere Informationen

Gerätehersteller:
www.hasomed.de
Firma Medica:
www.thera-trainer.de
Kontakt zur Physiotherapie-Abteilung
der Werner-Wicker-Klinik:
physiotherapie@werner-wicker-klinik.de


Nach oben

Aktualisiert am 19.02.2009 - Erstellt mit Zeta Producer Desktop CMS